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If classical music is the state of the art,
then the arts are in a sad state. - F.Zappa

Posting 588 - 22.02.2002
Sprach-Symptome in den USA
Ich hatte es ja neulich schon angesprochen, es ist bemerkenswert festzustellen wie sich der Sprachgebrauch in den letzten 6 Monaten in den USA verändert hat.
Die Phrase "if we do ...., the terrorist will have won" ist zum Glück frühzeitig in so vielen Variationen mißbraucht worden daß sie heute nur noch als Witz taugt.
Anders dagegen "In the wake of 9/11"; mit dieser Einleitung läßt sich fast jede Banalität in ein vermeintlich seriöses Licht tauchen. Sie wird daher häufig von Politikern in Diskussionen benutzt um vorzeitig dem Gegner einen billigen Konter zu verwehren bzw. ihm gegebenenfalls einen Mangel an Patriotismus nachzuweisen. Aber auch im Alltag hört man "in the wake of 9/11" gelegentlich, was doppelt peinlich ist, da es nicht nur meist einen Kontextmißbrauch darstellt wenn man anschließend über den Kauf des Rasenmähers spricht, sondern obendrein noch geschwollen ausgedrückt ist, schließlich wäre "after 9/11" die korrekte Variante (vgl. auch hier).
Auch kriegerischere Phrasen gehören inzwischen zur Tagesordnung. Wo immer mehr als 2 Schuldige vermutet werden, wird sofort eine "axis of evil" attestiert, zuletzt im Zusammenhang mit Unregelmäßigkeiten bei Schiedsentscheidungen bei der Olympiade. Und ebensoschnell wird hier regelmäßig bei Meinungsverschiedenheiten ein Krieg erklärt, man könnte meinen die Bürger dieses Landes wüßten nicht was Krieg ist. Bei Demonstrationen in L.A., bei denen es um die angeblich mangelnde Unterstützung des Bürgermeisters für einen örtlichen Polizeichef geht (Hintergründe), wurde kundgetan die Stellungnahme des Bürgermeisters sei eine "declaration of war".
Mein persönliches Unwort der letzten Wochen jedoch ist die "Homeland security". Jede Veränderung in der politischen Landschaft, jede Verschiebung von Etats, jede neue Verschärfung bestehender Gesetze oder Policies geschieht aufgrund der überaus wichtigen "Homeland security". Diese ist so wichtig, daß sogar soziale Großprojekte die schon seit Monaten bewilligt sind bis auf weiteres gestoppt werden. Letzteres betrifft mich persönlich, weil ein fix eingeplanter Auftrag plötzlich wieder in den Sternen steht und die zuständigen Entscheidungsträger nicht zu erreichen sind, die sind nämlich in Besprechungen zum Thema "Homeland security"

Disclaimer: wenn dieser oder ein anderer Beitrag in meinem Weblog schlechter ist als das zuletzt gewohnte Niveau, so tut mir das leid. Ist aber im Sinne der Homeland Security. You gotta understand this in the wake of 9/11.
Kommentare bisher:

[1]
Interessant zu lesen.

Mia vom KriTLog hat neulich von der Oprah-Show(www.oprah.com) berichtet, daß angeblich seit Jahren kein Geld da ist, um Labormaterial aus der Spurensicherung nach Vergewaltigungen auszuwerten (macht ja nix, wenn all die intimen Untersuchungen der Opfer umsonst waren, Täter frei rumlaufen und ein anderer unschuldig einsitzt....?) Ist es schon gelungen, diese Angelegenheit als opferbereiten Beitrag amerikanischer Frauen zur Homeland-Security zu glorifizieren? – Böse Frage, aber sie drängt sich mir gerade auf und paßt gut hierher.

Dein Beitrag liest sich übrigens eher so, als diene er Deiner persönlichen (seelisch-geistigen) Security.... - um den tiefen Graben zwischen eigener und Fremdwahrnehmung zu verarbeiten. Ist ja schließlich ein ernstzunehmender Streßfaktor sowas. (Vielleicht schreibt's ja jemand noch schöner als ich? Hallo diplomarbeitsaufschiebende Sandra? Wie wärs mit einem kleinen Gastvortrag bei Fragmente über kognitive Dissonanz??)

[2]
Hat sogar ganz sicher was mit kognitiver Dissonanz zu tun. Aber darin liegt ja auch die Grundmotivation überhaupt ein weblog zu führen, Abbau der Streßfaktoren durch Formulierung der Dissonanzen.
--
Und nur am Rande: Auch wenn die Hintergründe wahr seien mögen, so ist Oprah so ungefaehr die schlimmste Quellenangabe die man benutzen könnte. Einen Haßartikel auf diese ganzen Pseudoheiligigen im Fernsehen gibts aber ein andermal.

[3]
Oprah kenn ich nur ganz flüchtig vom Hörensagen. Bin gespannt auf Deine Demontage. Ich hab's ja auch nicht so sehr mit heilig.

[4]
Nochmal bei Tag zu Oprah & Co: Vielleicht können sich Fernsehheilige vor allem dann als solche präsentieren, wenn sie entweder auf der privaten Rührseligkeitsschiene fahren (Pfarrer Fliege), unseriös arbeiten – oder ihnen die anderen Medien ganze Themengebiete komplett überlassen, obwohl sie durchaus ernstzunehmen wären. (Könnte bei der Rape-Kit-Sache so gelaufen sein... wenn sich nur Oprah dafür interessiert, dann machts halt Oprah und nicht ein seriöseres Magazin.) - Ist zumindest eine Überlegung wert, finde ich, auch wenn ich die amerikanische Medienlandschaft nicht kenne.

[5]
die korrekte übersetzung von "war" lautet bei weitem nicht immer "krieg", es kann auch "kampf" bedeuten.

[6]
@nex: durchaus richtig, aber "war" beschreibt immer einen Kampf im Sinne von Anwendung von Gewalt. Ein Kampf um Rechte oder als Wettbewerb wäre ein "struggle", "conflict" oder "engagement". Das entscheidende ist wie auch die Sprache zunehmend gewalttätiger wird.

[7]
Have to say, what's the issue here? There *is* a war on, and one we didn't start, for that matter. There may be a bit much verbal testosterone floating around, but it's a little hard to be robotically even-keeled about 9/11. Germans may not share that threatened feeling ... because they're not that threatened. I doubt Bin Laden and Al Qaeda will ever screw up Europe as a handy base of operations for themselves, and I even hope I'm right.

[8]
@Thomas: yes, there is a war going on and oh yes it was started by the US as a reaction to a terror attack - however war was never proper declared.
To call the current abuse of language a "bit much verbal testosterone" is a euphemism - hardly everything that needs to be excused is done one way or the other by mentioning 9/11.
One more thing: at least yours truly is a German living in the US and therefore sees the real threat in this country. Read the reasons for the doomsday clock readjustment and tell me more about the unilateral US action and also about upcoming plans in Irak. Yes, I feel threatened, but more by cowboy politics than islamic extremists.

[9]
"Feel more threatened by cowboys than extremists" is hyperbole: so far, the number of Germans killed by "cowboy politics" vs by extremists is 0 to 100-some-odd, if I recall the WTC subtotals correctly. (More at Luxor, too, I believe.)

Somewhere past, say, 50 deaths at a single shot, but certainly past 500 or 1000, things graduate from "terror attack" to a war begun by someone else. To rely on a legalistic definition of "war" -- and there is a Congressional resolution enabling "Operation Enduring Freedom", BTW, whether that's 'proper' or not -- reinforces my sense that you don't really share the threatened sense I and other Americans have. If I recall your "About Me" correctly, you're not planning on staying in the US -- which is a shame for us, but may explain your somewhat more relaxed frame of mind about Bin Laden.

I'm not happy about everything Bush does either, I've written critically about missile defense if you check out my archive page, and plan to again. I'm also not sanguine about the looming war with Iraq (see archives or 2/26 post for selected posts on that as well). But "doomsday clocks" are symbolic. 9/11 was real.

And my doubts about Iraq notwithstanding, Hussein is the most recent practitioner of weapons-of-mass-destruction warfare, something the BAS seems to ignore. Yet I don't approve of pre-emptive self-defense either, I'd like some consultation and a framework for that. I see no need for consultation on self-defense per se, though; no American ever will, and I think no European in the same circumstances would either.

Respectfully, in friendship (honest!), and not planning to "mess up" this thread any further unless you ask for a comment again,

Thomas

[10]
@Thomas: I always appreciate your input, so don't be afraid to "mess up" this thread at all - that's what the comment function is for.

Let me clear up one point a little more: "I feel more threatened by cowboy politics than extremists" because they can lead (through unilateral action) to a WW3 scenario and on a lesser scale to a Orwellian total-control state (a life not worth living). There are other ways to deal with terrorists than throwing all the available military power on a country or two. Especially with agencies like the NSA and CIA who are in part still working against the US.

Yes, I don't share the same fear some Americans express on a daily basis, but that's not because I'm European (or thinking about going back to Europe) but because I'm a human being, trying to think for myself and not reacting in a certain way just because my neighbour or the media expects me to.
I'll leave the last word to someone else.

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