dekaf_title05.jpg
Kill Ugly Radio - F.Zappa

Posting 2140 - 08.06.2005
Es lebe das Vorurteil!
Eine der häufigsten Fragen die man mir in Deutschland stellt lautet: »Sind die Amerikaner wirklich so oberflächlich?« Und inzwischen kann ich nur noch antworten: Die Deutschen sind mindestens genauso oberflächlich und dabei noch unhöflich. Allein in der Frage nach diesem Vorurteil steckt ja schon eine Antwort.
»Ja, aber Freundschaft zählt doch da nicht so viel wie bei uns«. Ach, ist das so? Nun, der Durchschnittsamerikaner ist deutlich mobiler und flexibler und zieht z.B. für eine neue Arbeitsstelle auch mal ans andere Ende des Landes, was es natürlich etwas erschwert, Freundschaften zu pflegen, aber gute Freunde überbrücken auch solche Distanzen. Ganz anders die ach so tiefgründigen Deutschen. Die sitzen ein ganzes Leben lang im selben Kaff und kennen trotzdem nicht ihre Nachbarn.
Es zähle mal jeder der über 30 Jahre alt ist seine wahren Freunde durch. Glückwunsch, sollten das mehr als 3 sein. Und wie oft sieht man diese Freunde? Und all die anderen "Bekannten"? Ist das nicht oberflächlich?
Meinetwegen, als Advocatus Diaboli: klar sind alle Amerikaner oberflächlich, lächeln dir ins Gesicht, laden dich zum Essen ein und meinen das nicht ernst. Die Deutschen dagegen: schauen dir nicht ins Gesicht und wenn sie es tun, dann lächeln sie dabei nur in Ausnahmefällen. Es bleibt dabei, Freunde finden, Freundschaften pflegen und erhalten ist auf der ganzen Welt nicht leicht – es ist noch schwerer, wenn man dabei so viele Vorurteile pflegt.
Kommentare bisher:

[1]
Also ich lebe nun seit über zwei Jahren hier und muss Dir leider widersprechen. Gute Freunde werden überall weniger je älter man wird, allerdings gewinnt man oft auch wieder neue Freunde hinzu. Allerdings muss ich sagen, dass die meisten Leute hier in den USA jeden Deppen, mit dem sie mal geredet haben, als "Friend" bezeichnen, die meisten Deutschen würden den höchstens als "Entfernten Bekannten" bezeichnen. Und das mit den Nachbarn kenne ich genau gegenteilig. Ich habe in Deutschland fast immer sehr guten Kontakt zu meinen Nachbarn oder meinen Hausmitbewohnern gehabt und die nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft war in Deutschland viel grösser als hier in den USA. Wenn ich mich in der Familie meiner amerikanischen Frau so umsehe sind die aussergewöhnlich wenig an Ihren Nachbarn interessiert. Trotz grosser Anstrengungen habe ich in 2 Jahren fast keine wirklich neuen Kontakte knüpfen können, nur mit Leuten, die ohnehin schon Freunde meiner Frau waren.
Und was das Freundlich-ins-Gesicht-schauen betrifft muss ich sagen, dass mir die deutsche Grantigkeit (Unfreundlichkeit) immer noch lieber ist als eine scheinheilige Freundschaft die nix bedeutet. Das ist dann wenigstens ehrlich.
Wenn Du Oberflächlichkeit in den USA schon diskutieren willst, darfst Du aber nicht nur auf Freundschaften oder Freundlich-Sein eingehen.
Was mich viel mehr stört ist, dass die Leute die ich kennengelernt habe fast nie an einer tiefgründigen Diskussion interessiert sind. Viele Amerikaner sind viel zu schnell gelangweilt oder finden eine gute Diskussion schnell zu anstrengend. Ich habe immer das gefühl, dass sich viele Amerikaner immer gleich auf den Schlips getreten fühlen, und statt sich auf eine verbale Auseinandersetzung mit dem Thema einzulassen, weichen sie lieber einer Konfrontation aus und wollen darüber reden wie gut das die Chicago Cubs gespielt haben auch wenn die die letzten 5 Spiele verloren haben.
Man darf hier ja niemanden "offenden" oder "intimitaten", da sind die Leute immer gleich beleidigt, wenn man nicht zu allem Ja und Amen sagt.

Einen Kommentar hinzufügen:
Name:
E-mail:
Web Seite:
David Letterman heisst mit Vornamen? (erforderlich!)
please enter David Letterman's first name:
NoSpam:
Kommentar: