Die Phantasie der IgnoranzHeute früh beschloss ich, dass es Chile nicht mehr gibt. Das war leichter als es klingt. Ich war nie zuvor in Chile und hatte auch nicht vor, jemals dort hin zu reisen. Für mein tägliches Leben hat die Existenz Chiles keine Bedeutung, also habe ich es abgeschafft. Es bleibt die Erinnerung beim Durchblättern eines Atlas oder bei der Erwähnung in den Nachrichten – aber genausogut könnten sie in der Tagesschau von zweiköpfigen Tigern sprechen, es hätte keinen Einfluss auf meinen Alltag. Somit erübrigt sich jeder Existenzbeweis.
Nach der selben Methode werde ich weitere Dinge aus meinen Leben verschwinden lassen, es macht alles so viel einfacher. Selbst Menschen die man gelegentlich wahrnimmt kann man als Hirngespinst beiseite schieben oder als vorübergehende Erscheinung abtun, ohne sich weiter davon tangieren zu lassen. Nervige Mitmenschen, schlechte Fernsehsender, misslungene Architektur in fernen Städten verschwinden Stück um Stück, zurück bleibt eine deutlich angenehmere und einfachere Umwelt.